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Willkommen in der Nekropedia


Weinende Statue. Quelle: Pixelio.de

© Anna Bezold / PIXELIO




Virtuelle Friedhöfe sind im Internet nichts Neues. Es gibt sie für Haustiere, für Rollenspielcharaktere und womöglich auch für Zimmerpflanzen. Wer immer auch sterben mag, ob wirklich oder ideell, in den Weiten des Internets darf ihrer gedacht werden.
Auch die Nekropedia ist, auf ihre Weise, ein solcher Friedhof - genauer gesagt, wie der Name bereits andeutet, ein Totenbuch, in dem jeder interessierte Autor Nachrufe auf seine Verblichenen verfassen darf. Aber anders als bei den normalen virtuellen Friedhöfen haben hier die Trauernden selbst die Opfer auf dem Gewissen: Denn die hier veröffentlichten Nachrufe stammen von Autoren, und bei den Toten handelt es sich um Romanfiguren, die von der Bühne der Handlung abgetreten sind, oder besser gesagt: Abgetreten wurden.

Im wirklichen Leben ist der Tod eine sehr endgültige Sache, die am Ende jeden erwischt. In Geschichten ist das anders. Ebenso, wie nur die wenigsten Charaktere geboren werden - sie tauchen irgendwann auf, und bestenfalls erfährt der Leser etwas über ihre Kindheit - müssen zum Glück auch nur die allerwenigsten von ihnen sterben. Die Bücher blenden aus, die Helden leben noch. Die ewige Jugend, gewissermaßen.
Aber nicht alle teilen dieses Glück - so es eines ist. Manche gehen auch von uns, freiwillig oder unfreiwillig. Das ist für die Autoren meist ein einschneidendes Erlebnis: Erst baut man den Charakter auf, gönnt ihm Entwicklung, füllt ihn mit Leben, gibt ihm eine Seele - und dann löscht man ihn aus. Finito. Exitus. Autoren sind Götter ebenso wie Mörder.

Manchmal kann es sehr gut tun, jemanden umzubringen - nicht in Wirklichkeit, aber auf dem Papier. Man kann seinen Frust abreagieren, dem Opfer im Geiste die Züge eines Feindes verleihen, man kann süffisant Köpfe rollen lassen und im Detail beschreiben, wohin das Blut spritzt. Man kann melodramatische letzte Worte zu Papier bringen, den Sterbenden ganze Monologe in den Mund legen oder sie von kryptischen Hinweisen nur so überfließen lassen. Helden sterben immer auf offener Bühne, nicht zwischen den Szenen (die einzige Ausnahme, die mir hier einfällt, ist die nebenbei ertrunkene Ophelia, aber an ihren Tod habe ich auch nie wirklich geglaubt). Der Tod ist so vielseitig wie das Leben selbst, und wenn er eine Geschichte auch traurig macht, so macht er sie zugleich spannend. Denn wenn es offen bleibt, wer leben darf und wer sterben muß, fiebert der Leser mit.

Sind Autoren Mörder? Was hat Shakespeare gefühlt, als er den Dolch wieder und wieder in König Duncan rammte? Selbst wenn Macbeth die Klinge führte - er war in diesem Moment nur Shakespeares Werkzeug. Was ging in Agatha Christie vor? Warum hat Tolkien uns ausgerechnet Boromirs beraubt? Manchmal erfährt man es, manchmal nicht. Aber Autoren töten immer mit Vorsatz, niemals fahrlässig, auch wenn sie manchmal glauben, es nicht anders gekonnt zu haben: Der Autor als Triebtäter? Die Motive sind nur die allerniedersten: Manche töten aus Habgier (Der Roman muß sich schließlich verkaufen), manche aus Lust, manche aus Rache…

Autoren sind Mörder. Aber zugleich sind sie auch Hinterbliebene.
Dies sind ihre Geschichten, und die Geschichten ihrer Opfer: Herzlich willkommen in der Nekropedia.
Thanatos
2014-07-14